Umgang mit dem Leben

Selbstmord: Wer denkt an die Überlebenden?

Das Thema Selbstmord ist ein heikles und immens schwieriges Thema. Auch und besonders in der digitalen Ära. Wie gehen wir damit um? Was ist mit den Lebenden, die einen Nächsten verlieren?

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Selbstmord und Leben

Selbstmord und Leben.

Auf eVivam zeigen wir Euch gerne die neuesten Produkte, geben Rat um Sex, Liebe, Fitness, Gesundheit. Die schöne bunte Welt der Gesunden, der Fitten. Es gibt aber auch andere Welten, die genauso zum Leben dazugehören. Krankheit und Tod. Das verkauft sich weniger gut. Macht schlechte Laune und vertreibt die schöne, bunte Welt. Nur, wird sind nicht in Hollywood hier, sondern wir stehen im vollen Leben. Krankheit, Tod und Leben sind eng miteinander verbunden. Doch selbst im Angesicht des Todes können wir Freude am Leben finden. Selbst bei Selbstmord. Wie das?
Die Statistik ist immer kalt: Rund 10.000 Personen nehmen sich in Deutschland jedes Jahr das Leben. Wir bekommen das teilweise über die Medien, bei Bahnfahrten, über die Familien- und Freundeskreise aber auch neuerdings in den letzten Jahren vermehrt über die sozialen Medien mit. Oftmals steht der Selbstmord, die Tat, die möglichen Gründe und der Selbstmörder im Vordergrund der wie auch immer geäußerten Gedanken.
Was wir Außenstehenden dabei nicht sehen können oder kaum erkennen können, ist die Tatsache, dass nach dem Begräbnis eben nicht Schluss mit dem finalen Tod ist. Die Lebenden und damit Hinterbliebenen haben noch lange Zeit damit zu kämpfen und teilweise auch Probleme damit, sogar selbst zu überleben. Ich bin absolut kein Experte, habe mich damit nie professionell beschäftigt, aber soweit ich es immer wieder vernommen habe, sollen die Hinterbliebenen selbst suizidgefährderter sein denn der übliche, statistische Schnitt.
Um diesen Sachverhalt eine persönliche Note zu verleihen, um darzustellen, dass es weniger um den Tod denn um die Überlebenden geht, möchte ich meine persönliche Erfahrung schildern. Gleich vorneweg: Wir wissen alle, dass ein Selbstmord aufgrund von schwerster, physischer Krankheit unter dem Themenaspekt Sterbehilfe zu betrachten ist. Auch das ist bereits schwer genug zu fassen. Noch schwerer ist der plötzliche Selbstmord zu fassen, wenn es eben nicht um das offensichtlich erscheinende Befreien von Schmerz und Dahinsiechen auf dem Krankenbett geht. Um diesen Fall soll es hier gehen.
Es geht um meinen Cousin und vielleicht auch besten Freund. Wir waren zusammen aufgewachsen. Haben uns als Kinder über Aliens, Fußball, Mädchen und alles das unterhalten, über was sich Kinder nun einmal den Kopf machen. Wir haben gemeinsam gespielt und Jahre später als Jugendliche sogar ein Mädchen geteilt, wenn ich das völlig ohne Macho-Allüren so sagen darf. Wir waren mehrfach gemeinsam im Urlaub. Und, wir hingen gemeinsam über dem Waschbecken, nachdem wir uns zuviel Alkohol eingeflöst hatten. Auch war ich mehr oder minder jeden Tag bei seinen Eltern im nahegelegenen Haus. Ebenso bei seinen Großeltern. Soweit so gut. Ein übliches Leben. Eine übliche Allerweltsgeschichte.
Bis er eines Tages eben meinte, sich aus für uns alle bis heute völlig unbekannten Gründen zu erhängen. Sein Vater – mein Onkel, ein Bär von Mann, der einmal eigenhändig einen Fiat 600 aus dem Graben zog – fand ihn baumelnd vor sich, als er ihn suchte und die Tür zum Dachgeschoss aufmachte. Ich hatte von meinem anderen Onkel nachher gehört, dass er ihn gerade so noch davon abhalten konnte, sich mit seiner Offizierspistole - die er aus dem Dienst in der Armee hatte mitgehen lassen - umzubringen.
Der Schrecken setzte sich gnadenlos fort. Seine Mutter – meine Tante – versuchte sich eigenhändig zu erwürgen. Mein Onkel - der wie bereits gesagt ein unfassbar kräftiger Hühne mit Händen groß wie Schaufeln war - schaffte es nicht, ihre zierlichen Hände vom Hals zu lösen. Es bedurfte noch zwei weiterer Männer. Ihre Narben am Hals begleiteten sie bis in ihr Grab. Denn nur zwei Jahre später erlag sie dem Krebs, der nach dem Selbstmord ihres über alles geliebten Sohnes urplötzlich über sie herfiel. Den Onkel erwischte die hundsgemeine Krankheit auch. Nur, er sprang dem Tod von der Schippe.
Den Großvater – der ein kleiner, drahtiger, zäher Mann war und ebenso trinkfest wie auch stets fröhlich – verließ der Wille und er folgte der Tante ebenso wie seiner Frau – der gramgebäugten Großmutter – kurze Zeit später ins Grab. Ich kann mich dabei noch gut an den offenen Sarg in der Kirche erinnern, wo mein Cousin lag. Wie sein Großvater der neben dem Sarg stehenden Großmutter deutlich vernehmbar zuzischte, ja nicht zu weinen! Wenn Stimmen und Blicke töten könnten, wurde in dem Moment wahr. Ich hatte ihn noch nie so böse und ernst erlebt. Es wurde eiskalt und still in der Kirche. Niemand, wirklich niemand sagte in diesem Augenblick einen Ton, noch wagte es jemand zu atmen. Es gab dem Schrecken eine greifbare und sehr grausam hilflose Stille, die in dem Moment alles ausdrückte.
Nein, der Tod kam schnell. Er zerbrach förmlich den Lebenswillen von drei Personen, auch fast den meines Onkels. Ach ja, den Kern der Familie zersprengten die Schicksalsschläge ebenso. Ich habe seitdem meine vielen Cousinen, Cousins, Tanten und Onkel nicht mehr gesehen. Der Riss geht tief. Streit, Fragen, Vorwürfe. Ich selbst konnte fast nicht mehr meine Tante und meinen Onkel besuchen. Sahen sie mich, sahen sie einen Überlebenden, an dessen Seite der Tod den leeren Platz einnahm. Warum er? Wieso? Warum? Wieso? Unendliche, sich drehende Kreise bis hin zur Selbstzerstörung der eigenen Seele.
Ob ich meinen Cousin hasse? Schwer zu sagen. Ich bin ihm dankbar, da ich erlebt und gesehen habe, was ein Selbstmord anrichtet. Quasi dankbar, denn es hat mich immunisiert, jemals - egal was kommen möge - so eine Entscheidung zu treffen. Da ich nicht zum Mörder meiner Familie werden möchte. Um es sehr hart zu sagen, auch wenn man einem Selbstmörder nie gerecht werden kann. Das nehme ich für mich mit.
Es ist nie nur der Selbstmord, sondern die Folgen für die Lebenden wiegen schwer. Dem Toten kann es egal sein. Wer gehen will, geht eben. Wohlwissend, dass vermutlich den meisten Selbstmördern die Folgen ihrer Tat nicht bewusst sind. Ich für meinen Teil werde über einen Selbstmörder nie etwas Gutes sagen, aber etwas Schlechtes? Wie wird man dem gerecht? Es gibt so viele Gründe. Doch das Leben bleibt, der Tod ist final. Es ist eine beschissene Tragödie.
Das alles oben Beschriebene ist die andere Seite der Medaille, wenn über den Selbstmord und den Selbstmörder geschrieben wird. Die Opfer sind weitaus größer, vielfacher und anhaltender. Selbstmord ist Scheiße! Und obwohl die Zeit vergeht, die Sonne morgen, nächstes Jahr oder in zehn Jahren scheint, alles sich ändern kann, macht es das umso schlimmer. Weil man als Lebender darum weiß, dass sich Zeiten ändern können. Der Selbstmörder aber nicht. Wie gerne würde ich mit ihm über unsere Kinder sprechen, neue Probleme erörtern, trinken, lachen, weinen! Aber nein. Er er entschied sich gegen diese Aussicht des anderen Lebens. Er war 16. Ich 17 damals. Das alles ist über 30 Jahre her. Ruhe in Frieden! Und wenn wir uns wiedersehen sollten, prügeln wir uns, bis wir uns in den Armen liegen! Arschloch!
Was ich damit sagen will? Kümmert Euch nicht um den Selbstmörder? Das muss jeder für sich wissen und erfahren, wie Trauern erfolgt. Ich stand alleine an seinem Grabe, betrachtete die wundervolle Landschaft, die sich am Fuße des Berges vor mir ausbreitete. Seen, Flüsse, Straßen, Wälder, Dörfer. Hinter mir sein Kreuz mit seinem Namen. „Du hast den Tod gewählt, ich wähle das Leben“, sagte ich mehr zu mir denn zu ihm. Ich freute mich auf das vor mir liegende Leben, voller Chancen, natürlich auch kommender Trauer, Möglichkeiten und Wandlungen. Das Leben eben. Es stimmt wirklich: Weil wir sterben werden, können wir das Leben inhalieren. Das zu erkennen, mag banal klingen, fällt aber oftmals schwer. Aber am Grab eines Toten wird es einem kristallklar. Solange ich kann, werde ich atmen. Er nicht! Ich bedankte mich bei ihm, verabschiedete mich und habe seitdem sein Grab nie wieder besucht. Kümmert Euch um die Hinterbliebenen, die Lebenden. Das Leben ist wichtiger denn der Fokus auf den Tod.
Robert Basic

von

Seine Passion sind Menschen, sein Antrieb ist die Neugier.

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