Amorelie-Werbung

Dildo zum Kaffee: Warum Sextoy-Werbung nervt

Werbung für Sexspielzeug dominiert das Fernsehprogramm – egal zu welcher Uhrzeit. Das nervt, meint unser Autor Christian Blum. Und er erklärt, warum.

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Dildo

Schön, wenn Paare Spaß haben. Aber bitte nicht in meinem Wohnzimmer.

Ich kann es nicht mehr sehen. Ich will es nicht mehr sehen. Aber ich komme nicht drumherum. Samstag, 9 Uhr, der erste Kaffee des Tages ist fertig und man sucht im TV seichte Unterhaltung. Doch statt einer harmlosen Serie oder anderen Belanglosigkeiten schlägt die hippe Kommerz-Welt mir erst einmal Spielzeug ins Gesicht. Aber nicht die guten alten Hot-Wheels oder Super Soaker der Neunziger, sondern knallharte Dildos, Eichelschmeichler, Penisringe und Gleitgel. „Komme jetzt zum Super-Orgasmus“, haucht es durch den Lautsprecher. Hallo? Ich bin doch gerade erst aufgestanden!
Auf Anfang. Durch Start-ups wie Amorelie oder Eis.de (die mit dem Rappel-Karton, Sie wissen schon), aber auch durch Branchendinos wie Durex wird das Thema Sexspielzeug seit gefühlt zwei Jahren extrem in die Mainstream-Medien gedrückt. Die Theorie: Je mehr Dildos und nackte Tatsachen im TV, desto mehr Akzeptanz durch die Gesellschaft. Ganz ehrlich? Ne, aber so gar nicht. Da kann man noch so oft Pressemitteilungen rausbringen, die mit Sätzen wie „Sex ist in der heutigen Zeit kein Tabuthema mehr“ eröffnen oder Kooperationen mit eigentlich harmlosen Handelspartnern wie Media Markt eingehen (auch hier wurde gesagt, dass „das Schmuddelimage bereinigt ist“) – es ist einfach zu viel des Guten. Wenn man sagen muss, dass es kein Stigma mehr gibt, dann gibt es eins. Verrückt, oder?

„Mami, was ist ein Eichelschmeichler?“

Ich bin gerade 30 und sicherlich kein Klosterschüler, aber meine Erziehung sagt mir, dass wir hier etwas in die Öffentlichkeit tragen, was dort niemand vermisst hat. Natürlich ist Sexspielzeug kein Problem. Natürlich sind gleichgeschlechtliche Partner kein Problem. Natürlich ist eine gewisse Offenheit in Sachen Matratzensport kein Problem. Aber auf wen trifft denn das zu? Genau! Auf Menschen, die wissen, was das ist. Und die sitzen auch zu anderen Zeiten vor dem Fernseher, als morgens um 9. Wissen Sie, wer da viel eher vor dem TV sitzt? Wieder Treffer: Kinder. Jugendliche. Junge Menschen, die in ihrem Alltag ohnehin von so unfassbar viel Sex umgeben sind, dass sich Verwirrungen rund um das Thema „Bienen und Blumen“ von ganz alleine ergeben. Es reicht doch, dass sich YoutuberInnen rund um die Uhr bereiterklären, Penisse der Zuschauer zu bewerten. Das muss man doch nicht noch weiter ausbauen. Oder möchten Sie beim Frühstück auch noch erklären, warum sich Ingo und Dylan so sehr über den Eichelschmeichler freuen? Es ist doch wahrlich schwer genug, Kinder ansatzweise behütet großzuziehen.
Und außerdem: Was soll denn diese aggressive Offenheit? An wen richtet sich die Werbung überhaupt? Interessierte? Die suchen danach. Desinteressierte? Welche Wirkung soll es denn bei diesen Zuschauern entfalten? Es ist schon richtig, dass ich darüber rede und dass stirbt, wer nicht wirbt – aber kaufen werde ich trotzdem nicht, nur weil man mir beim Frühstück entgegenbrüllt, dass mir in mindestens einer Körperöffnung ein bisschen Plastik nicht schaden könnte. Ich begrüße es, dass man bei Bedarf dort kaufen kann, wo nicht 100 Meter weiter ein Laufhaus mit lautem Zuhälter vor der Tür steht. Ich begrüße es, dass Beratung nun auch möglich ist, wenn man keine Lust hat, in einen schwarz-gestrichenen Schuppen zu gehen, wo man vielleicht den Chef oder den Nachbarn trifft. All das ist gut. Aber bitte, verschont mich mit dem Zeug beim Frühstück. Das Einzige, was ich mir da reinschieben mag, ist mein Brötchen.

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