Rückentraining per App

Kaia Rücken-App im Praxis-Test: Byebye Rückenschmerz?

Wer körperlich schwer arbeitet oder den ganzen Tag sitzt, kämpft meist irgendwann auch mit Rückenschmerzen. Die Kaia Rücken-App soll Abhilfe schaffen. Aber hilft das Rückentraining für Zuhause wirklich gegen Rückenschmerzen?

Datum:
Kaia Rücken-App im Praxis-Test

Mit der Kaia Rücken-App kommt Bewegung in den Alltag – zumindest das ist gewährleistet.

Einschätzung
der Redaktion

Fazit: Das müssen Sie wissen

Für das, was man bei der Kaia Rücken-App bekommt, ist der monatliche Preis von 12,99 Euro definitiv überteuert. Es gibt inzwischen einfach zu viele kostenlose Alternativen, die Ähnliches leisten. Diese haben dann vielleicht kein so schickes Design, doch wer gezielt gegen seine Rückenschmerzen anarbeiten will, sollte eher darauf achten, ob es zum Beispiel auch Hinweise zu Fehlhaltungen und Atmung gibt. Eine gute App sollte auch Alternativübungen anbieten, falls der Nutzer die ursprüngliche Übung nicht durchführen kann oder will. Was bringt das Label „Medizin-App”, wenn ich dadurch komplett verkrampft und mehr gestresst bin als vorher? Wer kaum Erfahrungen mit dieser Art von Apps und Geld zum Ausgeben hat, kann es sicherlich mit Kaia einmal probieren und wird bei einer Regelmäßigkeit auch gewisse Erfolge haben. Schlecht sind die Übungen ja nicht.

Pro

  • Modernes Design
  • Einfache Bedienung
  • Solide Übungen
  • Detailliertes Hintergrundwissen zu Rückenschmerzen und Schmerztherapie
  • Motivation durch Reminder via Mail und App
  • Coach beantwortet individuelle Fragen
  • Video-Tutorials
  • Jederzeit kündbar

Kontra

  • Fehlende Hinweise zu Fehlhaltungen und Atmung – insbesondere während der Übung
  • Keine Alternativübungen
  • Keine Favoriten möglich
  • Kein gezieltes Rückentraining möglich
  • Keine flüssiges Training ohne Zwischenklicks
  • Schwerpunkttraining oft ohne direkten Rückenbezug
  • Feedback nur zu Übungskomplexen, nicht zu Einzelübungen möglich
  • Sehr textlastiger Wissen-Chat im SMS-Format
  • Meditation ohne Ruhephasen
  • Überteuert für das, was die App bietet

Rückenmassagerolle

Fitness-Apps gibt es viele. Und auch an Rückentrainings für zu Hause mangelt es nicht. Medizinisch geprüft sind die jedoch nicht. Das ändert sich mit der Kaia Rücken-App. Sie verspricht nicht nur Besserung bei Rückenschmerzen, sondern steht dafür ein – als offizielles Medizinprodukt. Nun ist es so, dass auch bei medizinisch geprüften Behandlungsmaßnahmen nicht alles Gold ist, was glänzt. Daher habe ich mir die App etwas genauer angeschaut. Die Erwartung war hoch. Und leider – so viel kann ich vorausnehmen – hat Kaia den Praxis-Test nicht wie erwartet mit Bravour bestanden. Im Gegenteil. Zwar bietet die Rücken-App ein solides Training, doch von einer App, die gerade erst auf einem Schmerzkongress ausgezeichnet wurde, erwarte ich mehr Hilfestellungen, mehr Personalisierung und ein moderneres, nahtloses Nutzererlebnis. Aber schauen wir uns die Kaia Rücken-App einmal im Detail gemeinsam an.

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Was verspricht die Kaia Rücken-App?

Kaia ist ein „Medizinprodukt für die Behandlung von chronischen Schmerzen im unteren Rückenbereich”. Wer also Rückenschmerzen im Bereich der Lendenwirbel hat, ist hier genau richtig. Die App gliedert Trainingstage in jeweils drei Bereiche: Bewegung, Entspannung und Wissen. Der Bewegungsteil besteht aus über 150 Übungen, „die sonst nur an speziellen Schmerzzentren gezeigt werden”. Der Entspannungsteil ist eine geführte Meditation und der Wissensteil enthält interaktive Hintergrundinformationen zu Körperanatomie, Rückenschmerzen und Schmerztherapie. Nach Abschluss jedes Teils gibt der Nutzer Feedback zum Schwierigkeitsgrad. Ist der Teil zu leicht, zu schwer, genau richtig? Entsprechend angepasst wird das Training automatisch für den nächsten Tag. Zudem gibt es einen Coach, der Fragen manuell im Chat beantwortet. Schmerzintensität und Schlafqualität lassen sich vermerken, um so eine Entwicklung zu sehen. Kaia will mit regelmäßigem Training schon nach kurzer Zeit Rückenschmerzen lindern.
Kaia Rücken-App

Die Rückenübungen von Kaia sind grundsätzlich gut, doch leider nicht komplett durchdacht. Wer Probleme mit den Knien, Handgelenken oder Füßen hat, kann die Übungen im Bild schlecht machen. Eine Alternative gibt es nicht.

Welche Übungen bietet die Kaia Rücken-App?

Die Übungen in der Kaia Rücken-App sind keinesfalls unbekannt. Wer Heimtraining kennt, kennt wahrscheinlich auch einen Großteil dieser Übungen. Die App zielt auf ein ganzheitliches Körpertraining, das heißt nicht alle Übungen sind speziell für den Rücken gedacht, sondern konzentrieren sich jeweils auf einzelne Körperstränge. So macht man an einem Tag zum Beispiel gezielt Übungen für die Arme und Schultern oder den Bauch. Ein ganzheitlicher Ansatz ist definitiv sinnvoll, doch das bieten andere Apps auch. Schade: Es gibt vergleichsweise wenig Rückenübungen. Wer gezielt den Rücken stärken will, weil er beispielsweise noch andere Übungen abseits der Kaia-App macht, kann das nicht. Kaia gibt die Übungen vor. Der Nutzer kann auf die Art der Übungen keinen Einfluss nehmen – lediglich auf den Schwierigkeitsgrad der Übungseinheit via Feedback. Die angepriesenen Spezialübungen fand ich nicht. Es lassen sich weder Übungen als Favoriten markieren, noch bestimmte Übungskomplexe bewusst ansteuern. Die Übungen an sich sind zwar durchdacht und grundsätzlich gut – leider hinken Umsetzung und Einbindung.

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Wie sind die Übungen umgesetzt?

Vor einer Übung könnt ihr euch ein Anleitungsvideo dazu anschauen. Die Erläuterungen sind sachlich, aber spärlich. Es gibt keine Hinweise zu typischen Fehlhaltungen oder Alternativausführungen. Wer also beispielsweise ein Knieleiden hat und eine Übung deshalb nicht machen kann, muss die Übung aussetzen. Nach dem Video lässt sich das Training starten. Überraschenderweise läuft hier lediglich ein Countdown mit. Keine Anleitung. Keine Hinweise zur sicherheitsgemäßen Ausführung der Übung. Oft verkrampfen wir, spannen falsche Körperpartien an, wenn uns eine Übung unbekannt ist. Gute Apps weisen während des gesamten Trainings darauf hin. Kaia tut dies nicht. Im Test hatte ich daher sehr schnell Nacken- und Schulterschmerzen, obwohl ich die Übungen von anderen Apps kannte. Zudem fiel es mir sehr schwer, die Halteübungen gleich 55 Sekunden lang unverkrampft auszuführen. Was tue ich dann? Mache ich eine Pause? Höre ich auf? Der Countdown zählt lediglich gnadenlos weiter. Es gibt zwar eine Pausenfunktion, aber soll beziehungsweise muss ich die nutzen? Mit meiner Entscheidung lässt mich Kaia alleine. Auch zur richtigen Atmung gibt es keinerlei Informtionen von Kaia. Dabei hilft die richtige Atmung bei der Ausführung von Übungen. Natürlich kann ich hinterher Coach Thomas im Chat befragen, der tatsächlich binnen 24 Stunden meine Fragen beantwortet. Aber wozu Fragen aufwerfen, die durch eine gute Nutzerführung vermeidbar wären? Auch ärgerlich: Die Übungen laufen nicht automatisch durch. Ich muss jedes Mal Videos und Trainings einzeln anklicken und starten. Lediglich bei einem Seitenwechsel stürmt die App voraus – so schnell kann ich mich nicht in Position robben. Und schon bin ich gestresst ...
Kaia Rücken-App

Ein Coach beantwortet bei Kaia zuverlässig und gut individuelle Fragen. Super! Auch ein Meditationsprogramm ist integriert. Zudem könnt ihr Schmerzintensität und Schlafqualität festhalten und eure Fortschritte verfolgen.

Wie entspanne ich mit der Kaia Rücken-App?

Entspannen konnte ich mit der Kaia Rücken-App so gar nicht. Ich war grundsätzlich von der Nutzerführung genervt, verärgert über fehlende Details hier und kleinteilige Informationsflut an anderer Stelle. Lief mal wieder ein Update ein, verschwand die App vom Home Screen meines Smartphones. Auch in meinem Gesundheitsordner befand sie nicht mehr. Und: Ich musste mich wieder komplett mit Namen und Passwort einloggen. All das erzeugte bei mir Stress, der mich nach drei Tagen zum Aufgeben getrieben hätte, wäre ich nicht verpflichtet gewesen, diese App sieben Tage lang zu testen. Und dabei soll mich die App entspannen. Denn: Wer entspannter ist, reagiert anders auf Schmerz. Also absolvierte ich fleißig das Meditionsprogramm von Kaia an jedem Test-Tag. Leider punktet Kaia auch hier nicht. Die geführte Meditation dauert circa fünf Minuten. Und die können elendig lang werden. Der Sprecher klingt nicht weich genug und ist wahrscheinlich besser geeignet zum akzentuierten Einsprechen von Regional-News – das ist aber durchaus Geschmackssache. Visualisierung ist hier allerdings ebenso wenig ein Thema wie Hintergrundatmosphäre. Eine gut geführte Meditation lässt Raum zum Atmen, lässt Stille oder eben Atmosphäre zu. Luft holen. Durchatmen. Ruhe entdecken. Das fehlt hier total. Auf die Art der Meditation kann ich keinen Einfluss nehmen. Hätte ich gerne komplette Stille? Meditative Musik? Entspannt mich Regen? Auch hier wird Personalisierung vernachlässigt.

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Was lerne ich mit Kaias Wissensteil?

Wer Rückenschmerzen hat, dem tut es ganz gut, etwas darüber zu erfahren, woher die Schmerzen kommen und welche Zusammenhänge es zwischen Körper und Verhalten gibt. Daher ist der Wissensteil in der Kaia Rücken-App zunächst einmal eine gute Sache. Die Hintergrundinformationen sind dabei sehr detailreich. Sehr detailreich. Und das fühlt sich sogar noch detailreicher an, weil man alle Informationen im SMS-Chat-Format kredenzt bekommt. Das soll wahrscheinlich hip wirken. Ist es jedoch nicht. Auf meinem Smartphone will ich keine ellenlangen Textwüsten lesen, nur damit ich zwischendurch „interaktiv” ein „Das klingt interessant!” oder „Ok, weiter.” klicke. Es gibt zwar hin und wieder auch eine Grafik, aber die passt so überhaupt nicht zum Look & Feel der restlichen App. Auch zum Wissensteil kann man zwar Feedback geben – dann werden die Texte weniger ausführlich –, doch genau das will ich ja eigentlich nicht. Ich will alle Details! Nur bitte nicht in diesem nutzerunfreundlichen Format. Videos kennt Kaia ja. Warum nicht auch im Wissensteil? Warum keine schicken Infografiken, die man swipen kann? Warum keinen Audio-Coach? Das SMS-Chat-Format ist ein echter Killer. Zum Ende des Tests überlese ich die Inhalte nur noch – nicht nur, weil ich das meiste bereits kenne, sondern weil ich den Trainingstag einfach abschließen will und abends für solch ein bleiernes Format keine Aufmerksamkeit mehr übrig habe. Schade. Denn die Inhalte sind sehr wissenswert, leicht verständlich erklärt und unverzichtbar für eine solche App. Nur das Format ist unerträglich.

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Kaia Rücken-App: Kosten und Leistung

Kaia kostet im Monat 12,99 Euro, 34,99 Euro für drei Monate, 59,99 Euro für sechs oder 119,99 Euro für ein Jahr. Kündigen könnt ihr jederzeit. Testen könnt ihr kostenlos für sieben Tage. Laut Kaia laufen derzeit Pilotprojekte mit Krankenkassen, die langfristig dazu führen könnten, dass diese die Kosten übernehmen. Eine Langzeitstudie in Kooperation mit der AOK Bayern soll drei Jahre laufen. Die App gibt es für Android und iOS. Sicherlich sind die Übungen von Kaia solide. An der Umsetzung hakt es jedoch. Dass man dennoch damit seine Rückenschmerzen loswerden kann, möchte ich gar nicht bezweifeln. Wer sich ansonsten zu wenig oder nur einseitig bewegt, erzielt mit fast jeder Rücken-App Erfolge. Doch nicht alle sind so teuer. Für rund 120 Euro habe ich mir bereits ein privates Rückentraining von einem Physiotherapeuten erstellen lassen: vier Stunden mit individuellen, auf mich abgestimmten Übungen, bei denen ein Experte meine Ausführung genau kontrolliert. Da sind 120 Euro sicherlich besser angelegt als derzeit bei der Kaia Rücken-App. Medizinprodukt hin oder her: Wer nicht einmal den Versuch unternimmt, auf Fehlstellungen hinzuweisen oder Alternativübungen anbietet, bleibt hinter seinem eigenen Anspruch zurück. Nun durfte ich die App kostenlos testen. Verärgert bin ich dennoch. Die App ist nicht konsequent bis zum Schluss durchdacht. Ein paar Expertenmeinungen reichen eben nicht, um eine nutzerfreundliche App zu entwickeln, die auch auf persönliche Belange Rücksicht nimmt und nehmen muss. Sehr gerne hätte ich die Kaia Rücken-App empfohlen, weil der Leitgedanke wirklich gut ist. Doch das ist nicht genug. Eine kostenlose Alternative ist zum Beispiel die Ratiopharm Rückenschule, die ebenfalls ein solides Rückentraining bietet. Auch Yoga-Apps können helfen. Zudem gibt es inzwischen reichlich Physio- und Schmerztherapeuten auf YouTube, die kostenlose Übungen zum Mitmachen anbieten. Ich hoffe doch sehr, dass Kaia noch reichlich nachbessert. Dann kann ich auch einsehen, warum vielleicht auch meine Krankenkasse das künftig bezahlen sollte.

Rückenmassagerolle

Anja Schmidt

von

Redakteurin Connected World. Die 156 Apps auf meinem Smartphone nutze ich wirklich. Meine Schwäche: Gadgets und smarte Technik.