Verwirrende Silikonkissen

Falsche EKG-Auswertung durch Brustimplantate

Brustimplantate bei Frauen verwirren Ärzte bei der EKG-Auswertung. Die Silikonkissen wirken als eine Art Störsender und verfälschen die Zacken und Linien des EKGs.

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EKG-Auswertung bei Brustimplantaten
Die EKG-Auswertung ist eigentlich eine sehr sichere Methode, um einen Herzinfarkt bei Frauen und Männern zu erkennen. Aus den aufgezeichneten Zacken und Kurven lesen Ärzte ab, ob das Herz normal funktioniert oder Auffälligkeiten zu entdecken sind. Jetzt fanden Forscher vom Princess Grace Hospital in Monaco in einer Studie heraus, dass Brustimplantate bei Frauen die EKG-Auswertung verfälschen. Das Ergebnis seien falsche Herzinfarktdiagnosen bei herzgesunden Frauen, die überhaupt keinen Myokardinfarkt hatten. Die Silikonkissen verwirren also das EKG. Ihre Ergebnisse stellten die Kardiologen auf dem Cardiostim Congress 2017 der European Heart Rhythm Association (EHRA) in Wien vor.

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Brustimplantate stiften Verwirrung bei der EKG-Auswertung

An der Studie nahmen 48 Frauen teil, die im Schnitt 42 Jahre alt waren und keinerlei Herzprobleme hatten. 28 dieser Frauen hatten Brustimplantate, 20 trugen kein Silikonkissen im Busen. Die Ärzte ließen das EKG-Gerät die Herzstromkurve aufzeichnen. Im Anschluss sollten zwei verschiedene Spezialisten das EKG lesen und auswerten. Beide wussten nicht, ob das EKG von Mann oder Frau stammte, wie alt die Person war, ob Vorerkrankungen vorlagen oder ob sie ein Brustimplantat trug oder nicht.
Bei ihrer EKG-Auswertung lag ein Elektrophysiologe bei allen 20 Frauen ohne Brustimplantat richtig. Er hatte beim EKG-Lesen an keiner Herzstromkurve etwas auszusetzen. Der andere Spezialist stufte nur ein EKG dieser 20 Frauen ohne Brustimplantat als auffällig ein. Anders bei den Trägerinnen eines Brustimplantats: ein Experte sah 38 Prozent, der andere sogar 57 Prozent der EKGs als auffällig an, obwohl die Frauen gesunde Herzen hatten. Damit liegt der Schluss nahe, dass die Silikonimplantate die EKG-Auswertung verfälschen. Sie wirkten als „elektrischer Störsender“ für die EKG-Signale, vermuten die Forscher.

T-Wellen und ST-Strecken in der EKG-Befundung auffällig

EKG

So sieht das EKG eines gesunden Herzens aus

Bei der EKG-Auswertung interpretierten die Herzspezialisten vor allem die sogenannten T-Wellen und ST-Senkungen falsch. Die T-Welle entsteht, wenn sich die Erregung der Herzkammern zurückbildet. Die ST-Strecke liegt vor dem Beginn der T-Welle. Sie verläuft horizontal und weist keine Ausschläge auf, die durch elektrische Aktivität verursacht werden (isoelektrische Linie). Bei der ST-Senkung liegt die ST-Strecke bei der EKG-Auswertung unterhalb der isoelektrischen Linie. Solche Abweichungen der Kurven und Linien deuten auf eine Minderdurchblutung des Herzens und somit auf einen Herzinfarkt hin. Bei Brustimplantaten zeichnet das EKG-Gerät nicht nur ST-Senkungen, sondern manchmal auch ST-Hebungen auf. Das erschwert die Herzinfarkt-Diagnose bei Frauen für Ärzte. Auf die Diagnose von Herzrhythmusstörungen haben Brustimplantate dagegen keinen Einfluss.

Verdacht auf Herzinfarkt? EKG-Auswertung plus Herzeiweiß-Bestimmung!

Ein Herzinfarkt bei Frauen ist ohnehin schwerer zu erkennen als bei Männern, weil das weibliche Geschlecht andere Symptome entwickelt. Neben den klassischen Herzinfarkt-Symptomen wie Schmerzen in der Brust, die in andere Körperbereiche ausstrahlen, leiden Frauen oft unter folgenden Beschwerden: extreme Kurzatmigkeit, Übelkeit und Erbrechen, Oberbauchschmerzen und einem Druck- und Engegefühl in der Brust (Männer: eher starke Brustschmerzen). Auch treten die Herzinfarkt-Anzeichen in einer niemals zuvor gekannten Heftigkeit auf.

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Achtung! Ein Herzinfarkt ist immer ein Notfall, bei dem Sie schnell den Rettungsdienst unter 112 verständigen müssen!
Bei Frauen mit Brustimplantaten raten Ärzte dazu, bei Brustschmerzen neben der EKG-Auswertung das kardiale Troponin ("Herz-Troponin") zu bestimmen. Dieses Eiweiß kommt speziell in Herzmuskelzellen vor. Veränderte Werte sind ein Hinweis darauf, dass der Herzmuskel geschädigt ist. Kardiales Troponin gilt als Biomarker für einen Herzinfarkt. Eventuell lassen Sie ein EKG aufzeichnen, bevor Sie sich ein Brustimplantat einpflanzen lassen und heben es für einen späteren Vergleich auf. Sagen Sie Ihrem behandelnden Arzt vor der EKG-Aufzeichnung, dass Sie ein Implantat in der Brust tragen. Umgekehrt haben auch Ärzte die Frage nach einem Silikonkissen am besten im Hinterkopf. So sind sie bei der EKG-Auswertung vor falschen Herzinfarkt-Diagnosen gewappnet.

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Ingrid Müller

von

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